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Kirschblütenzeit in Nordhessen

Unterwegs im Kirschenland um Witzenhausen

Jahreszeitlich · Lesedauer: 9 Minuten · Last edit: May 4, 2021

Im fernen Japan wird im Frühling die Kirschblüte mit zahlreichen Kirschblütenfesten gefeiert.

Dieses Event einmal mitzuerleben, weil man sich zufällig in Japan aufhält, während zufällig Kirschblütenzeit ist, ist ein ferner, fotografischer Traum. In Zeiten der Pandemie natürlich undenkbar, selbst die Kirschblüte in Bonn, im Vergleich zur weiten Reise nach Nippon nur ein Katzensprung von Nordhessen enfernt, steht außer Frage.

Aber warum sollte man eine große CO2-lastige Flugreise unternehmen, wenn das Gute auch direkt vor der Haustür zu finden ist? Nordhessen ist nicht Hawaii und natürlich auch nicht Japan (und schon gar nicht Bonn), aber wir haben unser eigenes, gar nicht mal so kleines Blütenmeer. Das ist zwar weiß und nicht rosa, jedoch besteht es aus rund 100.000 Kirschbäumen, die um das kleine Städtchen Witzenhausen ihre Äste in die Höhe recken: das sogenannte Kirschenland. Dieses ist von Kassel tatsächlich nur einen Katzensprung entfernt, und so mache ich mich eines schönes Morgen auf zum Blütenzauber.

Mit Abstand

Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass dies bereits der zweite Pandemiefrühling ist, den wir erleben. Während sich im letzten Jahr noch alles neu und ungewohnt anfühlte und das drängendste Problem die leeren Klopapierregale in den Geschäften waren, läuft dieses Jahr bereits eine gewisse Routine. Klar spaziert man mit einem Mundnasenschutz über den Wanderparkplatz und achtet dabei darauf, anderen Leuten nicht zu nahe zu kommen. Klar ist das Besucherzentrum und sie sonstigen Einkehrmöglichkeiten geschlossen, aber dafür hat man ja Proviant dabei. Und klar tritt man die kleine Wanderung so früh wie möglich an, der frühe Vogel hat bekanntlich den Weg für sich.

Ausblick auf Wendershausen
Ausblick auf Wendershausen

In der Vergangenheit war ich schon einige Mal zum Kirschen kaufen in Witzenhausen, jedoch noch nie zum Wandern, eine Tatsache, die wohl deutlich offenbart, wo die eigentlichen Prioritäten in meinem Leben liegen. Ich parke im kleinen Örtchen Wendershausen gleich hinter Witzenhausen. Der Parkplatz ist erfreulich leer, bis auf ein Grüppchen maskenloser Menschen; sie werden ihre Gründe haben.

Kirschwanderwege und zwei Burgen

Der Lageplan hat verschiedene Kirschwanderwege zur Auswahl, ich starte mit Weg Nummer 2, der gemütlich bergauf zum Süßkirschenversuchsbetrieb führt. Linker Hand liegt unten im Tal Wenderhausen, umgeben von weißen Blüten und rangekuschelt an die Werra. Von oben schweift der Blick über die Kirschbäume in die Ferne zur Burg Ludwigstein und der etwas weiter entfernten Burgruine Hanstein, die nach großartigen Ausflugszielen für einen anderen Tag aussehen. Dieser Ausblick auf die beiden Burgen hat übrigens den phantasievollen Namen Zweiburgenblick.

Blick auf Burg Ludwigstein und Burgruine Hanstein
Blick auf Burg Ludwigstein und Burgruine Hanstein

Der Süßkirschenversuchsbetrieb ist mit Tafeln bestückt, die allerlei Wissenswertes zum Thema Kirschen enthalten. Je häufiger ich das Wort Kirschen lese, desto mehr Vorfreude bekomme ich übrigens auf die süßen Früchtchen (wir wären wieder bei den Prioritäten), aber die sind ja noch längst nicht reif.

Während die japanische Kirschblüte in diesem Jahr so früh begonnen hat, wie noch nie zuvor, nämlich bereits Ende März, ist der Frühlingsbeginn in Deutschland eine Zeit voller Mißverständnisse gewesen. Der März brachte ein paar überraschend hochsommerliche Tage, die die Natur in die Startlöcher gelockt haben, dann machte der April plötzlich was er wollte: Über Ostern wurde es winterlich, starker Wind, Schneegestöber, Nachtfrost und tagsüber nur knapp über Null Grad, kein Wetter, das die Kirschbäume als Belohnung für ihre ganze Arbeit mit den Blüten schätzen.

Rastplatz am Süßkirschenversuchsbetrieb
Rastplatz am Süßkirschenversuchsbetrieb

Auch in Witzenhausen sehen die Kirschbäume noch ein wenig unentschlossen aus, zwar erkennt man den guten Willen an vielen weißbehängten Zweigen und Ästen, aber vorsichtige Bäumchen und spätere Sorten haben ihre Blüten noch geschlossen. In diesem April, der kälteste übrigens seit rund 40 Jahren, weiß man ja schließlich nicht, ob schon Morgen wieder Schneemänner gebaut werden können. Fleißige Bienen und Hummeln haben dennoch ihre Arbeit an der Produktionsstraße aufgenommen, was ich als gutes Zeichen werte.

Danke für die Heimat

Am oberen Ende des Süßkirschenversuchsbetriebs lädt ein Aussichtspunkt mit Bänken zum Verweilen ein. Ein dicker bemalter Stein ruht auf einem der Tische. Die Aufschrift "Danke für die Heimat" macht mich ein wenig nachdenklich. Die Heimat ist immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, sie ist halt da und jederzeit verfügbar mit ihren Kirschbäumen und Urwäldern und Parks und Bergen. Aber wusste ich das all die Jahre eigentlich zu schätzen? Ich beschließe, dem Gedanken des Steinbemalers zu folgen und ab heute etwas dankbarer für die Heimat zu sein. Das #stayhome der letzten Monate empfinde ich als anstrengend, aber das schöne Nordhessen habe ich dadurch neu kennengelernt.

Danke für die Heimat
Danke für die Heimat

Im Anschluss an Kirschwanderweg 2 hänge ich gleich noch Kirschwanderweg 1 an, wenn ich nun schon hier bin, soll sich die Fahrt ja schließlich gelohnt haben. In der mittlerweile prallen Sonne komme ich auf dem steilen Weg den Sulzberg hinauf erstmal tüchtig ins Schwitzen. Zum Glück bin ich ja freiwillig hier!

Auf dem Kirschwanderweg hoch zum Sulzberg
Auf dem Kirschwanderweg hoch zum Sulzberg

Von oben belohnt der Blick über ein weißes Blütenmeer, in der Ferne winkt nochmal Burg Ludwigstein zwischen den Wipfeln der noch kahlen Laubbäume hindurch. So hatte ich mir das vorgestellt.

Unterwegs im Kirschenland
Unterwegs im Kirschenland

“Uff die Kirschen”

Der Rundweg, übrigens vorbildlich ausgeschildert, ein Verlaufen ist quasi unmöglich, führt weiter abwechselungsreich durch die Kirschbäume und den Frühlingswald. An einem Rastplatz schaue ich mir die Welt durch das Guckloch uff die Kirschen an. Originell, aber ich bevorzuge dann doch lieber das Guckloch meiner Kamera.

Das Guckloch uff die Kirschen - sind sind noch nicht reif!
Das Guckloch uff die Kirschen - sind sind noch nicht reif!

Durch den Wald geht es zurück und irgendwann auch wieder bergab Richtung Wendershausen. Inzwischen kommen mir jede Menge Wanderer entgegen, nicht umsonst ist das Kirschblütenland im Frühling ein wahrer Touristenmagnet. Als ich wieder am Auto ankomme, staune ich über eine zweistellige Kilometerzahl auf dem Wander-Tacho. Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man Spaß hat. Ich beschließe, spätestens zur Kirschernte wieder vorbeizuschauen.

Gut zu wissen

Die Kirschwanderwege um Witzenhausen liegen im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land. Witzenhausen und Wendershausen sind kleine Örtchen, jedoch ist das Gebiet darum herum eines der größten Kirschanbaugebiete in Europa.

Je nach Wunsch und Konstitution gibt es verschiedene Wanderangebote. Kirschwanderweg 1 und 2 kannst du bestens kombinieren. Die Kirschblüte ist stark vom Wetter abhängig, spielt sich aber grob in der zweiten Aprilhälfte ab. Geerntet wird etwa zwei Monate später.

Lieblingsbaum Naturpark Aussichtspunkt

Kathinka lebt im grünen Nordhessen im Landkreis von Kassel, weil es dort so schön ist. Sie fotografiert am liebsten das Unspektakuläre und findet, dass es nie genug Bilder von Bäumen im Nebel geben kann. Auf Instragram postet sie manchmal kleine Quadrate, hier gibts noch mehr über Kathinka.

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